AFRIKAS ENERGIEMANGEL – CHANCE UND HERAUSFORDERUNG FÜR DIE DEUTSCHE INDUSTRIE

Der Energiemarkt des afrikanischen Kontinents kämpft mit gewaltigen Herausforderungen. Einerseits prägen fossile Energieträger wie Steinkohle und Erdöl weiterhin die Energielandschaft Afrikas, andererseits entwickeln sich afrikaweit Ansätze und Lösungen zur klimaneutralen Energiewende, wobei nicht nur erneuerbare Energien wie Wind und Solar, sondern auch Erdgas nachhaltig und klimafreundlich in den afrikanischen Energiesektor implementiert werden sollen. Der Ausbruch der COVID-19 Pandemie setzte viele dieser modernen Ansätze massiv unter Druck, denn auf dem afrikanischen Kontinent fehlt es an finanziellen Mitteln für den Ausbau eines effizienten, nachhaltigen Energiesektors. Für die deutsche Industrie und Politik ist es eine Chance, die Energiewende global voranzutreiben und eine Basis für die zukünftige Wohlstandsentwicklung in Afrika zu schaffen.

Eine aktuelle Überschrift der Nachrichtenagentur Reuters lautet: „Deutsche Energiewirtschaft trotzt Corona – Milliardeninvestitionen geplant.“ 1 Die Bundesregierung verabreicht Deutschland in Sachen Klimaschutz und nachhaltiger Erholung der deutschen Energiewirtschaft post-COVID eine kräftige Finanzspritze. Zweifelsohne werden viele dieser Investitionen dazu beitragen, die Energieversorgung und Dekarbonisierung im Deutschland des 21. Jahrhunderts weiter voranzutreiben. In meiner Wahlheimat Südafrika stellen sich die zukünftigen Perspektiven im Energiesektor weniger erfreulich dar: Viele Gegenden dieser afrikanischen Industrienation versinken in Energiearmut, die Energieversorgung pro Kopf ist auf einem humanitär unzureichenden Niveau. Vielen Südafrikanerinnen wird der Zugang zu Elektrizität verwehrt, während die Regierung weiterhin auf den fossilen Brennstoff Steinkohle setzt, den mit Abstand schlechtesten Energieträger in der Klimabilanz. Der südafrikanische Kohlegürtel trägtmassiv zur Grundwasser- und Luftverschmutzung des Landes und damit einhergehenden gesundheitlichen Schäden der Bevölkerung bei, was beispielsweise dieses Jahr auch von der NGO „Human Rights Watch“ thematisiert wurde. 2 Im Vergleich zu Südafrika aber erwischt es die meisten afrikanischen Staaten noch viel schlimmer: So leben in Nigeria, einer der größten Volkswirtschaften des afrikanischen Kontinents, über 80 Millionen Menschen ohne Strom. Laut der Internationalen Energieagentur sind rund 700 Millionen Afrikanerinnen von Energiearmut betroffen, und die COVID-19-Pandemie hat die derzeitige Situation noch um ein Vielfaches verschlechtert. 3

Energiemangel stellt in Afrika das entscheidende Entwicklungshindernis dar, und ist somit zeitgleich die größte Blockade für Afrikas Erholung von den wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Krise, sowie den ökologischen Auswirkungen des Klimawandels. Ohne Strom kann man Pandemien und die Folgen der Erderwärmung nicht bekämpfen. In vielen entwicklungspolitischen Kreisen wird Afrika der große Sprung, das sogenannte „Leapfrogging“, hin zu erneuerbaren Energien vorausgesagt. Die Realität vor Ort sieht oft anders aus: Erdgas entpuppt sich in Afrika zunehmend als Übergangskraftstoff, der Afrika zeitgleich auf dem Weg hin zur Elektrifizierung und Dekarbonisierung begleitet. Viele Regionen Subsahara-Afrikas, insbesondere die Küstenländer Ostafrikas und der Golf von Guinea, verfügen über gewaltige Erdgasvorkommen. Viel wichtiger noch, sie verfügen, besonders in Westafrika, bereits über
die für Erd- und Flüssiggas unabdingbare Export- und Verarbeitungsinfrastruktur. Gas gibt vielen Teilen Afrikas Hoffnung und entwickelt sich dort zum Antriebsmotor der Industrialisierung ganzer Landstriche. Auf sehr natürliche Art und Weise etabliert sich in vielen Ländern Afrikas ein „Energiekonsens“ zwischen Investorinnen, Klimaschützerinnen, Entwicklungspolitiker*innen und lokalen Regierenden, gesteuert von wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Anstatt einer post-kolonialen Entwicklungspolitik sollte in der afrikanischen Klima- und Entwicklungsdebatte vermehrt auf afrikanische Stimmen gehört werden. So konstatierte beispielsweise NJ Ayuk, Schirmherr eines panafrikanischen Energieverbands im Zuge des Weltwirtschaftsforums 2020 in Davos, dass afrikanischen Ländern die Industrialisierung, von der die nördliche Hemisphäre und Asien seit Jahrhunderten bzw. Jahrzehnten profitieren, nicht vorenthalten werden darf. 4

Die Bekämpfung der systemischen Energiearmut Afrikas wird in Deutschlands Politik fortwährend ignoriert, weil sie eine einfache, aber schwer zu akzeptierende Wahrheit beinhaltet: Klimaschutz und Energieinvestitionen dürfen in Afrika keine Widersacher sein, sondern müssen einander komplementieren. Sonne und Wind sind die Energieträger der Zukunft, aber ohne fossile Brennstoffe wie Erdgas wird der afrikanische Kontinent nicht einen nachhaltigen und klimafreundlichen Energiesektor mit gleichzeitiger Wohlstandsentwicklung der eigenen Bevölkerung etablieren können. Um erneuerbare Energien eines Tages flächendeckend zu implementieren, braucht Afrika heute weiterhin fossile Energieträger. Menschen im südafrikanischen Kohlegürtel wünschen sich nichts lieber, als dass die Kohleschächte schnellstmöglich verschwinden und durch nachhaltigere, umweltfreundlichere Alternativen ersetzt werden. Doch die vollständige Abwesenheit eines elektrifizierten Lebens raubt auch ihnen den letzten Hoffnungsschimmer.

Afrikas Energiemangel ist Deutschlands Chance und Herausforderung in der globalen Energiewende: Seit Anbeginn der industriellen Revolution nutzte Deutschland die Steinkohle, um dort anzukommen, wo sich die Bundesrepublik heute befindet. Die Elektrifizierung der nördlichen Halbkugel mit fossilen Brennstoffen gilt als eine der größten wissenschaftlichen Leistung des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert darf diese Leistung der afrikanischen Bevölkerung nicht vorenthalten werden.

Zum Autor: Sebastian Wagner ist Mitbegründer des Germany Africa Business Forums, einem privatenVerein, der die sozioökonomischen Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika fördert.

1 https://www.onvista.de/news/energiewirtschaft-trotzt-corona-milliardeninvestitionen-geplant-370092349

2 https://www.hrw.org/news/2021/05/14/south-africas-deadly-air-case-highlights-health-risks-coal

3 https://www.iea.org/reports/sdg7-data-and-projections/access-to-electricity

4 https://www.weforum.org/agenda/2020/01/africa-oil-gas-development