AFRIKAS ENERGIEARMUT -DEUTSCHLANDS STUNDE DER WAHRHEIT!?

Eine aktuelle Überschrift der Nachrichtenagentur Reuters erinnert uns Deutsche daran, wie gut wir es doch haben: „Deutsche Energiewirtschaft trotzt Corona – Milliardeninvestitionen geplant.“ Die Bundesregierung verabreicht Deutschland in Sachen Klimaschutz und nachhaltiger Erholung der deutschen Energiewirtschaft post-COVID eine kräftige Finanzspritze. Zweifelsohne werden viele dieser Investitionen dazu beitragen, die Energieversorgung und Dekarbonisierung im Deutschland des 21. Jahrhunderts weiter voranzutreiben. Derzeit in meiner Wahlheimat Südafrika (fest)sitzend, kam mir automatisch der Gedanke, was für den afrikanischen Kontinent in einer Welt nach COVID die mit Abstand größte Herausforderung der verbleibenden 80 Jahre des 21. Jahrhunderts sein wird. Und hier ist das Bild leider weniger rosig: Der afrikanische Kontinent versinkt in Energiearmut, einer humanitär unzureichenden, gar beschämenden Energieversorgung pro Kopf. Die Heinrich-Böll-Stiftung formulierte es bereits vor vielen Jahren so passend: „Wenig Strom, wenig Chancen“.

Vielen Afrikanern wird der Zugang zu Elektrizität verwehrt, und dort, wo der Bedarf am größten ist (wie beispielsweise im Ballungszentrum Johannesburg), setzen die Regierenden oft auf Klimateufel wie Steinkohle, den mit Abstand schlechtesten Energieträger in der Klimabilanz. Wer bereits Orte wie Witbank, Südafrikas „Stadt der Kohle“ besucht hat, sieht diese Thematik nicht bloß als eine statistische Größe: Im südafrikanischen Kohlegürtel sind Grundwasser- und Luftverschmutzungen und die damit einhergehenden gesundheitlichen Schäden der Bevölkerung keine sozio-ökologische Utopie einer post-apokalyptischen Welt, sondern eher die Norm. Südafrika erstickt an Kohle, doch selbst diese afrikanische Industrienation am Kap der guten Hoffnung ist von regelmäßigen Stromausfällen geplagt; so sehr, dass der angesehene südafrikanische Volkswirt Colin Coleman diese als das größte systemische Risiko der heimischen Volkswirtschaft bezeichnete. Im Vergleich zu Südafrika erwischt es die meisten afrikanischen Staaten noch viel schlimmer: In Nigeria, dem Chancenland der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, leben über 80 Millionen ohne Elektrizität. Über 80 Millionen! Vergleichbar mit der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Die gesamte Bundesrepublik ohne Elektrizität! Völlig unvorstellbar, und trotzdem nur die Spitze des Eisbergs.

Stand heute sind laut der Internationalen Energieagentur rund 700 Millionen Afrikaner auf eine archaische Energieversorgung durch Biomasse angewiesen. Es ist augenfällig: Energiearmut stellt in Afrika das entscheidende Entwicklungshindernis dar, und ist somit zeitgleich die größte Blockade für Afrikas Erholung von den wirtschaftlichen Folgen der COVID Krise, sowie den ökologischen Auswirkungen des Klimawandels: Ohne Strom kann man Pandemien und die Folgen der Erderwärmung nicht bekämpfen. In vielen entwicklungspolitischen Kreisen wird Afrika der große Sprung, das sogenannte „Leapfrogging“, hin zu erneuerbaren Energien vorausgesagt. Die Realität vor Ort sieht oft anders aus: Erdgas entpuppt sich in Afrika zunehmend als „letzter Mohikaner“ der fossilen Energieträger, als Übergangskraftstoff, der Afrika zeitgleich auf dem Weg hin zur Elektrifizierung und Dekarbonisierung begleitet. Viele Regionen Subsahara-Afrikas, insbesondere die Küstenländer Ostafrikas und der Golf von Guinea, verfügen über gewaltige Erdgasvorkommen. Viel wichtiger noch, sie verfügen, besonders in Westafrika, bereits über die für Erd- und Flüssiggas unabdingbare Export- und Verarbeitungsinfrastruktur. Gas gibt vielen Teilen Afrikas Hoffnung, und entwickelt sich dort zum Antriebsmotor der Industrialisierung ganzer Landstriche. Auf sehr natürliche Art und Weise etabliert sich in vielen Ländern Afrikas ein „Energiekonsens“ zwischen Investoren, Klimaschützern, Entwicklungspolitikern und lokalen Regierenden, gesteuert von wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Anstatt einer post-kolonialen Entwicklungspolitik sollte in der afrikanischen Klima- und Entwicklungsdebatte vermehrt auf afrikanische Stimmen gehört werden. So konstatierte NJ Ayuk, Schirmherr eines panafrikanischen Energieverbands im Zuge des Weltwirtschaftsforums 2020 in Davos, dass afrikanischen Ländern die Industrialisierung, von der die nördliche Hemisphäre und Asien seit Jahrhunderten bzw. Jahrzehnten profitieren, nicht vorenthalten werden darf. Er ging sogar so weit, eine solche Aberkennung als ein Verbrechen gegen die afrikanische Bevölkerung zu bezeichnen.

Die Bekämpfung der systemischen Energiearmut Afrikas wird in Deutschland fortwährend ignoriert, weil sie eine einfache, aber schwer zu akzeptierende Wahrheit beinhaltet: Klimaschutz und Energieinvestitionen dürfen in Afrika keine Widersacher sein, sondern zwei Seiten einer Medaille. Sonne und Wind haben gute Chancen, aber ohne fossile Brennstoffe wie Erdgas wird ein sich industrialisierendes Afrika nicht auskommen können. Um erneuerbare Energien eines Tages zu flächendeckend zu implementieren, braucht Afrika weiterhin fossile Energieträger. Menschen in Witbank wünschen sich nichts lieber, als dass die Kohleschächte schnellstmöglich verschwinden und durch nachhaltigere, umweltfreundlichere Alternativen ersetzt werden. Doch wenn in Witbank und anderswo in Afrika die Lichter ausgehen, endet dort auch die vielleicht letzte Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Afrikas Energiearmut ist somit auch Deutschlands Stunde der Wahrheit: Seit Anbeginn der industriellen Revolution nutzte Deutschland die Steinkohle, um dort anzukommen, wo sich die Bundesrepublik heute befindet. Die Elektrifizierung der nördlichen Halbkugel mit fossilen Brennstoffen gilt als mit die größte wissenschaftliche Leistung des 20. Jahrhunderts. Darf diese im aktuellen Jahrhundert nun 700 Millionen Afrikanern vorenthalten werden?

Zum Autor: Sebastian Wagner ist Mitbegründer des Germany Africa Business Forums, einem privaten Verein, der die sozioökonomischen Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika fördert.